Drum prüfe, wer sich ewig bindet: Coaching als Geldmaschine
„Drum prüfe, wer sich ewig bindet” – viele halten den Satz für ein Bibelwort. Ist er nicht. Er stammt aus Friedrich Schillers Lied von der Glocke (1799):
„Drum prüfe, wer sich ewig bindet, ob sich das Herz zum Herzen findet! Der Wahn ist kurz, die Reu ist lang.”
Schiller meinte die Ehe. Aber der Rat passt erstaunlich gut auf eine andere Bindung, die heute schnell und teuer eingegangen wird: die an einen Coach.
Der Wahn ist kurz, das Abo ist lang
Es gibt gute Coaches. Was sie auszeichnet, ist ein Mix: Lebenserfahrung, ja, auch Schicksal – aber getragen von einer fundierten Ausbildung. Einer, die lehrt, die eigene Geschichte vom Anliegen des Klienten zu trennen und die eigenen Emotionen von denen des Gegenübers zu unterscheiden. Erst diese Trennung macht es möglich, wirklich etwas Hilfreiches zu leisten – statt Hokuspokus mit angelernten Familien- oder Systemaufstellungen zu veranstalten, bei denen die eigene Biografie des Anbieters munter in die Deutung hineinregiert. Aber der Markt ist unreguliert, und wo kein Titel geschützt ist, blüht das Geschäftsmodell. Und das funktioniert im Worst Case so: Man bindet sich schnell, in einem verletzlichen Moment, an jemanden, der Heilung verspricht. Aus der ersten Stunde wird ein Paket, aus dem Paket ein Programm, aus dem Programm – und hier wird es perfide – eine „Ausbildung”. Denn wer nicht mehr Sitzungen kauft, sondern ein Zertifikat anstrebt, der bleibt. Nicht, weil es ihm hilft, sondern weil der Abschluss lockt und schon so viel investiert ist. Wer fünf Module bezahlt hat, bricht vor dem sechsten nicht ab. Die versunkenen Kosten halten fester als jedes Ergebnis.
Auffällig oft basiert das Heilsversprechen dieser Anbieter auf einer einzigen einschneidenden Erfahrung: der Krise, dem Absturz, der Erweckung. Diese eine Geschichte wird dann breitgetreten – auf der Bühne, im Buch, im Reel – und zum Beweis erklärt, dass die eigene Methode funktioniert. Eine Biografie ersetzt die Qualifikation. Das ist die alte amerikanische Schule der Heilsversprecher: Jeder ist seines Glückes Schmied, und wer es nicht schafft, hat eben nicht fest genug an sich geglaubt. Ein Weltbild, das praktischerweise nie den Verkäufer in die Pflicht nimmt, sondern immer den Kunden.
Der erschöpfte Schausteller
Wie das aussieht, wenn man die Kamera lange genug drauf hält, zeigt der ARD-Dokumentarfilm Der Motivationstrainer über Jürgen Höller, den wohl bekanntesten deutschen Vertreter der Branche – in den Neunzigern der „Star unter den Motivationstrainern”, dann wegen Untreue und vorsätzlichen Bankrotts verurteilt, danach das Comeback mit Seminaren, die wieder ganze Hallen füllen. Der Film begleitet ihn auf Tournee, und was hängen bleibt, ist nicht die versprochene Leichtigkeit. Es ist das Bild eines Mannes, der selbst im Whirlpool noch angespannt wirkt und der sein Mantra von Heiterkeit und Freude so oft wiederholt, dass man ihm irgendwann kein Wort mehr glaubt. Ein erschöpfter Schausteller, der die eigene Show nicht mehr verlassen kann. Ausgerechnet der, der zehntausend Menschen den Weg zum Glück weisen will.
Wenn der Seelenflüsterer selbst ertrinkt
Genau diese Figur hat Maxim Leo in seinem Roman Einatmen. Ausatmen. zur Kunstfigur gemacht: Alex Grow, gefeierter Seelenflüsterer mit Academy im Brandenburger Schloss – dessen Laden vor dem Bankrott steht und der selbst mit Panikattacken kämpft, während er einer gefühlskalten Managerin Achtsamkeit beibringen soll. Die Diagnose sitzt: Der Coach ist so verloren wie seine Klientin, nur mit besserem Marketing.
Nur die Auflösung – und da darf man streng sein – gerät dann doch arg gefällig: Ein verletztes Wildschwein, ein schüchterner Hausmeister, ein weises Kind, und alle finden auf kitschigste Weise wieder auf die Beine. Das ist Heimatromantik für eine Rosamunde-Pilcher-Klientel, die sich am Landschloss wärmt und dabei vergisst, was der Roman eigentlich anfangs behauptet hat. Denn ein innerer Weg, echte Persönlichkeitsentwicklung, funktioniert nicht wie ein Fernsehfilm am Sonntagabend. Es gibt kein Wildschwein, das einen erlöst.
Was der innere Weg wirklich fordert
Und damit sind wir beim Kern. Persönlichkeitsentwicklung ist im Wortsinn unbequem. Sie verlangt, sich Dinge anzuschauen, die man jahrelang erfolgreich umgangen hat: eigene Anteile, eigene Muster, eigene Feigheit. Das dauert, das tut weh, das lässt sich nicht in einem Wochenendseminar für 2.000 Euro abkürzen – so wenig, wie eine einzige Yogastunde einen unbeweglichen Körper dehnbar macht. Wer nach Jahren der Verkürzung zum ersten Mal in die Vorbeuge geht, merkt: Da ist Widerstand. Und der verschwindet nicht durch ein Mantra, sondern durch geduldiges, oft frustrierendes Üben.
Genau davon lebt die Geldmaschine: Sie verkauft die Abkürzung, die es nicht gibt. Sie verspricht das Ergebnis ohne den Weg – und wenn das Ergebnis ausbleibt, verkauft sie das nächste Modul.
Denn Selbstfindung ist ein zutiefst privater, intimer, kostbarer Prozess. Einer, den es zu schützen gilt – vor der Bühne, vor dem Publikum, vor der Vermarktung. Keine Show.
Deshalb, ganz mit Schiller: Drum prüfe, wer sich bindet. Fragt nach der Ausbildung – danach, ob jemand gelernt hat, die eigene Geschichte draußen zu lassen –, nicht nach der Erweckungsgeschichte. Misstraut jedem, der aus der ersten Sitzung ein Jahresprogramm machen will. Und misstraut vor allem dem eigenen Ehrgeiz aufs Zertifikat, der einen bleiben lässt, wo man längst gehen sollte. Der Wahn ist kurz. Die Rechnung ist lang.
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