Nathalie Buschor
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Selbstoptimierung: Warum sich ein gutes Leben nicht optimieren lässt

1. September 2026

Hoffentlich gibt es sie noch: Dinge, die Sie nicht optimieren müssen. Oder besser: nicht optimieren dürfen.

Weil es nichts bringt. Weil sie sich nicht messen lassen. Weil es dafür – noch, hoffentlich nie oder vielleicht leider kaum – Technologie gibt. Und vor allem, weil das Leben komplexer ist. Zum Glück.

Das gilt für Paare genauso wie für jeden Einzelnen.

Wenn das Leben zum Projekt wird

In Nathan Hills Roman Wellness versucht ein Paar, nach den jeweils neuesten wissenschaftlichen Erkenntnissen möglichst alles richtig zu machen: Beziehung, Sex, Ernährung, Gesundheit, Erziehung, Psychologie. Das Leben wird zum Projekt. Und während die beiden sich und ihre Beziehung immer weiter verbessern wollen, optimieren sie sie – man darf es so sagen – beinahe zu Tode.

Auch den Likes zuliebe. Nicht einmal jenen von Menschen, sondern jenen einer App. Von einem Ranking-Algorithmus, optimiert von Nerds und Psychologen. So leben wir inzwischen.

Bei Marc-Uwe Klings QualityLand musste ich zuerst oft laut lachen. Gerade weil die Idee so verführerisch ist: Was wäre, wenn auf mich zugeschnittene Algorithmen meine Bedürfnisse so gut kennen, dass sie meine Erlebnisse gleich mitoptimieren? Wenn möglichst alles im Leben zum Fünf-Sterne-Erlebnis ohne Abschlag würde?

Wer kennt mich dann eigentlich am besten – ich selbst oder die Maschine? Wem vertraue ich mehr?

Und: Was wird aus einem Leben ohne Überraschungen?

Ein wirkliches Leben besteht eben nicht nur aus richtigen Entscheidungen, passenden Partnern, optimalen Ferien und möglichst wenig Reibungsverlust. Es besteht aus Umwegen, Zufällen, Missverständnissen, falschen Entscheidungen und Enttäuschungen – und aus Begegnungen, Orten und Lernschritten, die wir nie gesucht hätten. Und die gerade deshalb wertvoll sind.

Wenn Optimierung zur Manipulation wird

Bei Dave Eggers' The Circle bleibt einem das Lachen im Hals stecken.

Denn hier geht es nicht mehr nur darum, dass Technologie unser Leben erleichtert. Die grossen Cyberkonzerne beanspruchen zunehmend die Deutungshoheit darüber, was ein gutes, richtiges und gesellschaftlich akzeptables Leben überhaupt ist. Und sie berauben uns der Alternativen.

Die Parolen des Circle lauten: „Geheimnisse sind Lügen", „Teilen ist Heilen", „Alles Private ist Diebstahl".

Das Verstörende daran: Der Mensch wird nicht gezwungen, indem man ihm die Freiheit einfach wegnimmt. Viel raffinierter ist es, ihn dazu zu bringen, sie freiwillig abzugeben. Ein Mensch gegen ein Heer geschulter, wissenschaftlich gestählter Psychologen und Ökonomen. Das Ziel: Profit und Steuerbarkeit.

Durch Likes und Rankings. Durch Empfehlungen. Durch die Angst, etwas zu verpassen. Durch die ständige Rückmeldung, was andere von uns halten. Und zunehmend durch Algorithmen, die aus unserem bisherigen Verhalten berechnen, was wir als Nächstes sehen, kaufen, lesen, wählen – oder vielleicht sogar denken wollen.

Dazu braucht es keine finstere Verschwörung. Es reicht eine ziemlich simple menschliche Psyche: Wir wollen dazugehören. Wir wollen Anerkennung. Wir reagieren auf Belohnung. Und wir mögen es, wenn uns jemand bestätigt, dass wir richtigliegen.

Manipulation funktioniert gerade deshalb so gut, weil sie sich nie wie Manipulation anfühlt. Am besten wird sie in den prägendsten Jahren des Lebens erlernt: in der Kindheit, als Teenager. Es ist wie beim Rauchen – je früher begonnen, desto tiefer verankert.

Und dann fühlt sich Gift wie Komfort an. Denn: Das könnte dir gefallen. Das übernehme ich für dich. Ist doch bequemer. Stimmt ja meistens.

Doch genau darin liegt das Problem. Wie soll ich herausfinden, was ich will, wenn mir ununterbrochen vorgeschlagen wird, was ich wollen und konsumieren könnte? Wie soll ich meine Meinung ändern, wenn ein System aus meiner Vergangenheit immer genauer berechnet, wer ich vermutlich auch morgen sein werde?

Je perfekter die Personalisierung, desto grösser die Gefahr, dass wir in einer optimierten Version unserer selbst stecken bleiben. Ob die glücklich wird?

Individuation – der geschützte Raum, in dem wir uns verändern dürfen

Wir nennen das Individuation, Selbstwerdung, Persönlichkeitsentfaltung.

Dieser Prozess ist kein Optimierungsprogramm. Oder haben Sie schon Shops dazu gesehen? Coole Insta-Bilder?

Es braucht dafür einen sicheren, abgeschotteten inneren Raum, in dem nicht alles sofort geteilt, bewertet und verwertet wird. Den Albtraum aller Algorithmen: Chaos. Zweifel. Widersprüche. Irrwege. Begegnungen mit dem Fremden, dem Dunklen, dem Anderen. Und manchmal die schmerzhafte Erkenntnis, dass etwas, wovon wir jahrzehntelang überzeugt waren – oder überzeugt wurden –, nicht mehr passt.

Dazu braucht es Freiheit, in allen Dimensionen. Die Freiheit, eigene Gedanken zu wagen – und denken gelernt zu haben. Sie wieder zu verwerfen. Anders zu denken als gestern. Und glauben zu dürfen, dass die eigenen Gedanken ausgesprochen werden dürfen, manchmal sogar ausgesprochen werden müssen, ohne vorher einem Diktat der Likes unterworfen worden zu sein. Oder schlimmer: in einem autoritären System gar nicht mehr äusserbar zu sein.

Das Labyrinth des Lebens ist nun einmal keine logische Abfolge von instagrammable thoughts and moves.

Ich schreie vielleicht mein Kind an. Ich weine wegen der harten Teenagerjahre. Wegen einer mühsamen Beziehung. Wegen Einsamkeit. Weil ich gerade alles hasse, wie es ist. Vielleicht wollte ich ein anderes Leben.

Und trotzdem muss ich am nächsten Morgen aufstehen und weitermachen. Ohne Lob. Ohne Likes. Ohne fünf Sterne.

Denn das ist auch Leben. Hoffentlich niemals wegoptimiert. Denn wie sollten wir sonst wachsen?

„Es irrt der Mensch, solang er strebt"

Deshalb gefällt mir dieser Satz aus Goethes Faust so gut: „Es irrt der Mensch, solang er strebt."

Was für eine Erleichterung. Der Mensch darf irren. Mehr noch: Wer wirklich lebt, muss sich irren können.

Faust sucht Wissen, Erkenntnis, Liebe, Intensität, Glück. Er überschreitet Grenzen, trifft falsche Entscheidungen und richtet dabei auch Schreckliches an. Seine Geschichte ist wahrlich keine Anleitung zum gelungenen Leben. Aber sie erzählt von etwas zutiefst Menschlichem: Erkenntnis ist ohne die Möglichkeit des Irrtums nicht zu haben. Und Freiheit übrigens auch nicht.

Was kein Algorithmus wegoptimieren kann

Eine Maschine kann optimieren. Sie kann aus Millionen Datenpunkten errechnen, welche Entscheidung mit welcher Wahrscheinlichkeit das beste Ergebnis bringt. Unsere Welt ist auf Konsum getrimmt – die Industrie der Selbstoptimierung ebenso. Für beinahe jedes Unbehagen gibt es ein Produkt: das neue Superboost-Fitnessprogramm, die perfekten Nägel, das Boot, die Immobilie, die Reise, den Retreat, den nächsten Hack für ein noch besseres Ich.

Nur: Kein Fitnessprogramm, keine neuen Nägel, kein Boot und keine Immobilie dieser Welt helfen uns, jene Momente wegzumachen, die schlicht weh tun.

  • Den Menschen, der uns nicht mehr liebt.
  • Das Kind, das sich von uns entfernt.
  • Die berufliche Niederlage.
  • Das Älterwerden.
  • Den Tod eines Menschen.
  • Oder die Erkenntnis: Ich wollte eigentlich ein anderes Leben.

Menschsein heisst manchmal suchen und ausharren – ohne Quick Fix. Um dann irgendwie neu zu starten. Darüber kann kein Algorithmus hinwegtäuschen.

Problematisch wird es erst, wenn wir lernen sollen, auch diese Momente wegzuoptimieren, zu umgehen oder sie im Fünf-Sterne-Modus unseres Lebens gar nicht mehr vorkommen zu lassen. Denn dann verlieren wir nicht nur Leid. Wir verlieren auch die Freiheit, daran zu wachsen und zu erblühen.

Rilke hat dafür ein wunderbares Bild gefunden: „Ich lebe mein Leben in wachsenden Ringen."

Wir werden den letzten nicht vollbringen. Denn bis zum Tod wachsen diese Ringe.

Halleluja

Ein gutes Leben besteht nicht darin, die optimale Version seiner selbst erreicht zu haben. Es besteht darin, weiter denken und suchen zu dürfen – fern aller Algorithmen. Sich zu irren. Eine Meinung zu ändern. Etwas Sinnloses zu tun. Einen Umweg zu nehmen. Einen Menschen zu lieben, der nicht ins Raster passt. Zu scheitern. Neu anzufangen.

Und sich die Freiheit zu bewahren, morgen jemand anderes sein zu dürfen, als der Algorithmus heute ausgerechnet hat.

Halleluja.

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