ματαιότης (Mataiótes) – Das Leben als Windhauch: Tiefer wohnen statt besser werden
Das Leben als Dauerbaustelle: Wir messen unseren Schlaf, zählen unsere Schritte, tracken unseren Puls. Wir arbeiten an unserer Resilienz, unserer Kommunikation, unseren Beziehungsmustern. Selbst persönliche Entwicklung ist ein Projekt geworden!
Dahinter steckt eine stille Gleichung: Wenn ich nur genug an mir arbeite, wird mein Leben gelingen. Und wenn es nicht gelingt? Dann selber schuld?
Es gab Grössere und Weisere vor uns, die sich diese Fragen gestellt haben. Und es findet sich Erstaunliches. Ich möchte hier mal nicht wieder über die Griechen und die moderne Glückspsychologie berichten – gerade finde ich nämlich ganz Erstaunliches in einem doch recht bekannten Buch, das viel über schwere Prüfungen von Menschen weiss: ständigen Krieg, Vertreibung, Leben in der Fremde, Einsamkeit – und dazu noch allerlei Schicksalsschläge.
Denn solange einem das Glück hold ist: kein Problem. Dann geht's ja mit all der Glückssucherei und dem Sich-Bemühen. Aber eine unbequeme Frage bleibt: Was, wenn ich all das tue – und mein Leben trotzdem anders verläuft als geplant? Nicht erfolgreich, ohne Ruhm und Ehre, ohne Familie … alles ziemlich uninstagrammable? Wenn wir merken: Sinn und ein Lebensgefühl des Gehaltenwerdens lassen sich nicht einfach herstellen.
Der geneigte Leser meiner Blogs kennt Viktor Frankl. Der Wiener Psychiater und Überlebende mehrerer Konzentrationslager hat darauf eine Antwort, die bis heute trägt: Sinn wird nicht produziert, sondern gefunden. In dem, was wir schaffen. In dem, was und wen wir lieben. Und – am schwersten – in der Haltung zu dem, was wir nicht ändern können.
Frankl zitierte gern Nietzsche: «Wer ein Warum zum Leben hat, erträgt fast jedes Wie.»
Und er drehte die Blickrichtung um: Nicht ich frage das Leben, was es mir noch schuldet – das Leben fragt mich, was ich ihm antworte. Glück lässt sich nicht jagen. Es stellt sich ein – als Nebenwirkung von Hingabe an etwas, das grösser ist als das eigene Ich.
Denn: Du hast es nicht im Griff. Eine brutal ernüchternde Erkenntnis im Machbarkeitswahn unserer Zeit. Schon die Stoiker wussten es: Einiges liegt in unserer Macht – unser Urteil, unsere Haltung, unser Handeln. Das meiste nicht. Das Leben ist ein Windhauch: Kohelet probiert alles aus – Wissen, Erfolg, Besitz, Vergnügen – und stellt schon vor über 2000 Jahren fest, dass sich nichts davon festhalten lässt. Seine Konsequenz ist erstaunlich lebensfreundlich: Iss, trink, arbeite, liebe. Freu dich an dem, was heute da ist.
Denn das Leben ist nicht meritokratisch. Du kannst gesund leben und krank werden. An deiner Beziehung arbeiten und trotzdem verlassen werden. Alles richtig machen und scheitern. Das anzuerkennen ist kein Pessimismus. Es ist der Anfang von Gelassenheit.
Darum lassen wir den Stress fahren: Nicht alles muss Wachstum werden
Nicht jedes unangenehme Gefühl muss reguliert, reframed oder in persönliches Wachstum verwandelt werden. Manches muss betrauert werden. Es gibt berechtigte Unzufriedenheit – sie ist kein Zeichen von schlechtem Mindset, sondern von Wachheit.
Und umgekehrt eben genauso wichtig: Genuss braucht keinen Zweck. Ein Abend mit Freunden muss nichts optimieren. Nicht jeder Spaziergang muss die Schrittzahl erhöhen. Manches ist einfach schön. Das reicht.
Und bedenke: Niemand rettet sich allein
Die längste Studie über gelingendes Leben läuft seit 1938 an der Harvard-Universität. Ihr Ergebnis nach über 80 Jahren ist fast beschämend einfach: Gute Beziehungen sind der stärkste Faktor für Gesundheit und Zufriedenheit. Nicht Erfolg, nicht Fitness, nicht Selbstdisziplin.
Manche Krisen überstehen wir nicht, weil wir endlich resilient genug geworden sind. Sondern weil jemand neben uns sitzt und nicht geht.
Tiefer wohnen statt besser werden
Vielleicht besteht Reife irgendwann nicht mehr darin, eine noch bessere Version unserer selbst zu werden. Sondern darin, dieses unvollkommene Leben immer tiefer zu bewohnen. Mit dem, was gelingt. Mit dem, was nicht gelingt. Mit Menschen, die wir lieben. Mit Verlusten, die sich nicht in Wachstum verwandeln lassen. Mit Momenten, die wir geniessen, obwohl wir wissen, dass sie vergehen.
Kohelet sagt dazu: Trotz des scheinbar pessimistischen Befunds, dass alles flüchtig ist und sich so wenig festhalten lässt wie der Wind, bleibt bei aller radikalen Vergänglichkeits-Erkenntnis eine überraschend heitere, fast radikal gegenwartsbezogene Lebensfreude:
«Da merkte ich, dass es nichts Besseres dabei gibt, als fröhlich zu sein und sich gütlich zu tun in seinem Leben. Denn ein jeder Mensch, der da isst und trinkt und hat guten Mut bei all seiner Mühe, das ist eine Gabe Gottes.» (Prediger 3,12–13)
Aristoteles würde sagen: Werde, wer du sein willst. Die Positive Psychologie: Blühe auf. Frankl: Frag nicht nur, was du vom Leben erwartest – frag, was das Leben von dir erwartet.
Vielleicht brauchen wir von allem etwas. Nur sicher nicht noch ein weiteres Projekt, aus uns endlich einen perfekten Menschen zu machen. Drum lasse ich jetzt den Sport sausen und gehe mit meinem Sohn essen, ganz gemütlich. Carpe diem!
