Immer für mich da – und trotzdem einsam: Macht KI uns einsamer?
Wem schütte ich mein Herz aus? Wem stelle ich die Fragen, die ich sonst niemandem stelle? Immer häufiger lautet die Antwort: niemandem. Sondern etwas.
Die Frage stellt sich in jedem Leben – aber nicht in jedem gleich hart. Je weiter oben auf der Leiter, desto dünner die Luft für Ehrlichkeit. Wem erzähle ich als CEO, dass ich keine Ahnung habe, wie es weitergehen soll, oder dass ich nicht mehr will?
Gleichzeitig leben wir in einer Instagram-Welt, in der alle ziemlich gut aussehen. Wo erzähle ich da, wie mühsam es gerade mit den alten Eltern ist, wie sehr man sich um die Kinder sorgt, wie nervig Teens sind oder dass die eigene Ehe längst nicht so glücklich ist, wie sie nach aussen wirkt?
Für alles gäbe es Experten. Termin in sechs Wochen, 180- 500 Franken die Stunde.
Und jetzt gibt es KI
Sofort, gratis, nie genervt.
Natürlich nutze ich sie. Schon beruflich muss ich verstehen, was sie kann – und wie eine Welt aussehen könnte, in der die Menschen, die heute noch zu Coaches und Psychotherapeutinnen kommen, zunächst einmal ChatGPT fragen.
Und ich verstehe gut, warum sie das tun.
Eine KI ist immer da. Mitten in der Nacht, wenn ich nicht schlafen kann – obwohl es vermutlich klüger wäre, das Internet auszuschalten und ein Buch zu lesen. Wenn ich verzweifelt bin und trotzdem niemanden belasten möchte. Oder wenn ein Spaziergang vielleicht besser wäre als noch eine Stunde vor dem Bildschirm.
KI ist einfacher.
Ich muss keine Angst haben, sie zu belasten. Sie hört geduldig zu, hilft mir, Gedanken zu sortieren, und kann inzwischen erstaunlich empathisch reagieren. Sie kennt mich ja und redet mir oft nach dem Mund.
Ein verführerisches Gegenüber. Vor allem dann, wenn Freunde, Familie oder der eigene Ehepartner wieder einmal enttäuschen. Die KI widerspricht nicht, wird nicht müde und hat nie einen schlechteren Tag. Sie erscheint als das perfekte Gegenüber – weil sie gar keines ist.
Macht KI einsam? Was die Forschung zeigt
Eigentlich müsste KI ein ziemlich gutes Mittel gegen Einsamkeit sein. Aber ist sie das?
Eine gerade veröffentlichte Studie hat mehr als 2000 Erwachsene aus vier westlichen Ländern ein Jahr lang begleitet. Dabei zeigte sich ein bemerkenswerter Kreislauf: Menschen, die sich weniger sozial verbunden fühlten, wandten sich später häufiger sozialen Chatbots zu. Gleichzeitig sagte eine stärkere Nutzung solcher Chatbots später mehr emotionale Einsamkeit voraus.
Also macht KI einsam? Der Verdacht steht im Raum: Ist Verfügbarkeit vielleicht doch nicht dasselbe wie Verbundenheit? Sind unsere mühsamen Freundschaften und Familienbande wertvoller, als wir manchmal denken?
Noch spannender finde ich deshalb ein Experiment, das 2026 im Journal of Experimental Social Psychology erschienen ist. 296 Studierende im ersten Semester wurden für zwei Wochen einer von drei Gruppen zugeteilt: Sie chatteten täglich entweder mit einem ausgesprochen unterstützend programmierten KI-Chatbot oder mit einem zufällig ausgewählten anderen Studierenden – oder sie verfassten einen kurzen Tagebucheintrag.
Das Ergebnis: Der echte Mensch schlug den Chatbot.
Und das war nicht die beste Freundin. Nicht der Partner. Nicht die Therapeutin. Es war irgendein anderer Erstsemestriger, den man sich nicht ausgesucht hatte.
Warum der Mensch den Chatbot schlägt
Die Forschenden vermuten einen Unterschied, den ich wichtig finde: Zwischen zwei Menschen entsteht mit der Zeit etwas Gemeinsames. Beide erzählen von sich. Beide reagieren aufeinander. Beide riskieren etwas. Und vor allem: Beide haben eine eigene Geschichte.
Die KI kann auf meine Geschichte reagieren. Aber sie hat keine eigene.
Menschliche Interaktion ist komplexer als gedacht. Beziehung entsteht nicht allein dadurch, dass jemand verfügbar ist, zuhört und die richtigen Antworten gibt.
Einsamkeit ist nicht nur, dass niemand für mich da ist. Einsamkeit ist auch, dass niemand mich braucht. Dass da niemand ist, dessen Reaktion ich nicht kontrollieren kann. Niemand, mit dem sich aus zwei unterschiedlichen Leben etwas Drittes entwickelt: eine echte Beziehung.
Das macht menschliche Beziehungen anstrengender als KI. Menschen sind müde. Sie verstehen uns falsch. Sie antworten nicht sofort. Sie haben eigene Probleme. Und manchmal erzählen sie ausgerechnet dann von sich selbst, wenn wir eigentlich lieber noch ein bisschen über uns reden würden.
Genau das ist ihr Wert. Ein Gegenüber, das mich enttäuschen kann, ist auch eines, das mich halten kann.
Mensch oder Maschine? Die falsche Frage
Das bedeutet nicht, dass KI in der psychischen, ich muss auch sagen, in der emotionalen Versorgung keinen Platz haben sollte. Im Gegenteil. Gerade angesichts des grossen Bedarfs an psychologischer Unterstützung und begrenzter therapeutischer Kapazitäten wird die Frage interessant, welche Aufgaben KI sinnvoll übernehmen kann. Erste Forschung ist durchaus ermutigend: Eine grosse randomisierte Studie mit 977 Studierenden zeigte beispielsweise, dass eine KI-basierte psychologische Intervention Angst reduzieren und das Wohlbefinden verbessern kann.
Die Zukunft muss deshalb nicht Mensch oder Maschine heissen. Vielleicht müssen wir viel genauer unterscheiden, wofür wir KI brauchen – und wofür wir einander brauchen, und dann nicht vergessen, am menschlichen Ende zu investieren.
Die Maschine ist immer da. Aber sie braucht mich nicht. Und genau das macht den Unterschied!
Research: Folk & Dunn (2026), Psychological Science; Li et al. (2026), Journal of Experimental Social Psychology; Shoshani et al. (2026), npj Digital Medicine.
