Midlife: Von Testosteron, Leistung und Männlichkeit – warum auch Männer die Lebensmitte neu denken dürfen
Mein Büchertisch zur Lebensmitte ist inzwischen gut gefüllt – und begonnen habe ich meine Reise mit männlichen Autoren. Der Klassiker von Peter Attia hat mich sofort begeistert: seine aufrichtige Art, mit der er seinen Karrierestress beschreibt, aber auch die Gründe, wie es dazu kommen konnte, dass die Karriere alles aufgefressen hat – die Familie, die Gesundheit, die seelische Balance. Es ist kein Burnout-Buch. Aber ein Buch über die Suche nach Gesundheit, geschrieben von einem, der als Arzt täglich mit dem Krebs ringt.
Der Mitte des Lebens begegnen Männer und Frauen ganz unterschiedlich. Und ihre Bücher sind es ebenso.
Männer steigen oft über die Leistung ein. Nicht selten beginnt die Reise mit einem Blutwert, einem Bauchansatz, nachlassender Kraft oder der Erkenntnis, dass die Regeneration plötzlich länger dauert. Viele merken: So wie mit 35 funktioniert der Körper nicht mehr. Anderen wächst die Karriere über den Kopf – der dauernde Stress, die Mehrfachbelastungen.
Frauen dagegen beginnen häufig beim Körper: Hitzewallungen, Schlaf, Gewicht, Konzentration, Herzgesundheit. Sie möchten verstehen, was passiert – und was sie selbst tun können.
Vielleicht ist das auch deshalb so, weil Männer lange anders altern durften. Frauen wurden gesellschaftlich stärker über Jugend und Aussehen bewertet, Männer eher über Leistung und Erfolg. Das verändert sich nun – in eine ziemlich ungesunde Richtung: Altwerden ist out. Aber dazu mehr in einem nächsten Beitrag.
So unterschiedlich Symptome und Einstieg auch sind – bei Männern der schleichende Testosteronabbau, bei Frauen oft die plötzlich einsetzenden Hitzewallungen –, für beide ist es eine Zeit der Reflexion.
„Outlive" von Peter Attia schreibt zunächst über Muskelmasse, Ausdauer, Ernährung und Prävention. „From Strength to Strength" von Arthur C. Brooks handelt vom Übergang von Leistung zu Weisheit. „The Middle Passage" von James Hollis beschreibt die Lebensmitte als psychologische Entwicklungsaufgabe.
Und plötzlich geht es gar nicht mehr um Testosteron oder VO₂max. Es geht um Beziehungen. Um Meditation. Um Identität. Um die Frage, wer ich bin, wenn ich nicht mehr der Schnellste, Stärkste oder Erfolgreichste sein muss.
Vielleicht liegt genau darin die eigentliche Aufgabe der zweiten Lebenshälfte. Männer beginnen häufiger bei der Leistungsfähigkeit – und landen, wenn sie den Weg weitergehen, am gleichen Ort wie die Frauen, die häufiger beim Hormonhaushalt beginnen: bei ihrer Identität. Bei der Frage, wie ein gutes Leben gelingt. Wie man alt werden will und darf – und mit wem.
Mein Büchertisch für die männliche Lebensmitte:
Die Medizin und Langlebigkeit: In „Outlive" von Peter Attia erfolgt der Einstieg über Langlebigkeit, Muskelkraft, Herzgesundheit und Prävention. Das Interessante: Am Ende wird deutlich, dass Bewegung und Ernährung allein nicht reichen. Beziehungen, Schlaf, emotionale Gesundheit und Sinn sind ebenso entscheidend.
Die zweite Lebenshälfte: „From Strength to Strength" von Arthur C. Brooks ist besonders spannend für Führungskräfte – weil die zweite Lebenshälfte andere Stärken verlangt als die erste.
Die Psychologie: „The Middle Passage" von James Hollis ist das Standardwerk eines Jungianers zur Lebensmitte. Es geht nicht um Krise, sondern um Reifung.
Der Sinn: „The Second Mountain" von David Brooks führt vom ersten Berg – Karriere, Status, Erfolg – zum zweiten Berg: Verbundenheit, Berufung und Verantwortung.
Und für alle, die sich der Lebensmitte lieber über Literatur nähern: „Stoner" von John Williams ist einer der schönsten Romane über Lebensentscheidungen und unerfüllte Träume. Und „Homo faber" von Max Frisch erzählt von Männlichkeit, Kontrolle und dem Scheitern an den eigenen Illusionen.
