Moderne Liebe: Warum Beziehungen heute so schwierig sind
Noch nie hatten wir in der Liebe so viele Freiheiten. Wir entscheiden selbst, wen wir lieben, wie wir zusammenleben und wann wir gehen.
Und trotzdem erleben viele, gerade junge Menschen, Beziehungen als erstaunlich schwierig.
Warum eigentlich?
Ein Mensch soll alles sein
Moderne Liebe ist vielleicht gerade deshalb so schwierig, weil wir immer individualistischer geworden sind – und gleichzeitig immer mehr von der Partnerschaft erwarten.
Früher wurden viele unserer Bedürfnisse von Familie, Freundeskreis, Nachbarschaft oder Gemeinschaft getragen. Heute soll oft ein einziger Mensch alles sein: Liebespartner, bester Freund, Vertrauter, emotionaler Halt, intellektuelles Gegenüber, Sexualpartner, Abenteuergefährte und sichere Heimat zugleich.
Wir erwarten Stabilität und Verlässlichkeit – aber ebenso Spannung, Überraschung und Leidenschaft. Das ist ein enormer Anspruch.
Die Paartherapeutin Esther Perel bringt es sinngemäss so auf den Punkt: Wir erwarten heute von einem einzigen Menschen, was uns früher ein ganzes Dorf gegeben hat.
Irgendwo wartet vielleicht jemand Besseres
Lori Gottlieb beschreibt in Marry Him sehr treffend, wie die Suche nach dem perfekten Partner und die Vorstellung, irgendwo könnte immer noch jemand «Besseres» warten, unsere Beziehungen prägen.
Dating-Apps verstärken dieses Gefühl. Mit jedem Wischen scheint eine weitere Möglichkeit bereitzustehen. Wer ständig Alternativen vor Augen hat, investiert vielleicht weniger in das, was er hat.
Und auf Instagram sehen wir Paare, die nie streiten, sich nie langweilen und immer im schönsten Licht stehen. Daneben wirkt jede echte Beziehung ein wenig mangelhaft.
Liebe braucht Durchhaltevermögen
Dabei besteht Liebe nicht nur aus Gefühl, Passung und Selbstverwirklichung. Sie braucht auch Durchhaltevermögen. Die Bereitschaft, schwierige Phasen miteinander auszuhalten, Konflikte nicht sofort als Zeichen des Scheiterns zu verstehen und nicht jedes Unbehagen als Verlust des eigenen Selbst zu interpretieren.
Eine Partnerschaft sollte gleichzeitig nicht unsere gesamte Identität tragen. Wir brauchen eigene Freundschaften, Interessen und soziale Netze. Gerade dadurch kann Nähe entstehen, ohne dass zwei Menschen einander mit Erwartungen überfrachten.
Vielleicht haben wir viele Freiheiten gewonnen – aber etwas von der Fähigkeit verloren, uns zu binden, wenn es unbequem wird.
Bleiben oder gehen? Wo Paartherapie helfen kann
Genau hier kann Paartherapie helfen. Nicht, um eine Beziehung um jeden Preis zu retten, sondern um unterscheiden zu lernen.
Ist das gerade eine normale Durststrecke? Eine Phase, in der es vielleicht schlicht öde geworden ist, Nähe verloren ging oder Enttäuschungen sich angesammelt haben – und in der Geduld, Demut und gemeinsames Durchhalten sinnvoll sein könnten?
Oder ist etwas grundsätzlich destruktiv geworden – geprägt von Angst, Abwertung, Kontrolle, Gewalt oder dauerhaft fehlender Sicherheit und Respekt? Dann kann die Erkenntnis auch darin bestehen, dass Gehen notwendig ist.
Wie wertvoll dieses dritte Gegenüber sein kann, zeigt John Jay Osborn wunderbar in Listen to the Marriage: Fast der gesamte Roman spielt im Zimmer einer Paartherapeutin und kreist um ein bereits getrenntes Ehepaar, das wieder lernen muss, einander tatsächlich zu sehen und zuzuhören.
Manchmal lohnt es sich, länger zu bleiben, als der erste Impuls nahelegt. Manchmal ist Gehen die gesündere Entscheidung. Eine gute Paartherapie nimmt diese Entscheidung nicht ab. Sie hilft, klarer zu erkennen, was noch lebendig ist, was verändert werden kann – und was vielleicht nicht mehr getragen werden sollte.
Eine alte Frage
Wer sehen möchte, dass diese Fragen keineswegs erst mit Tinder und Instagram entstanden sind, kann George Eliots Middlemarch lesen: einen erstaunlich modernen Roman über Projektionen, falsche Erwartungen, Ehe, Enttäuschung und darüber, wie schwer es ist, irgendwann nicht mehr die eigene Vorstellung vom anderen zu lieben, sondern den wirklichen Menschen.
Vielleicht beginnt reife Liebe genau dort: wo wir aufhören, den perfekten Menschen zu suchen, und anfangen, den wirklichen zu sehen.
Literatur
- Lori Gottlieb: Marry Him. The Case for Settling for Mr. Good Enough, 2010
- John Jay Osborn: Listen to the Marriage, 2018
- George Eliot: Middlemarch, 1871/72
- Esther Perel: Mating in Captivity (dt. Wild Life. Die Rückkehr der Erotik in die Liebe)
