Workshops für Führungsteams: Warum ich jedem Workshop misstraue, der mit Folien beginnt

Warum gute Führungsteams Begegnung brauchen – und keine Folienschlacht
Neulich in einem Workshop mit einer Geschäftsleitung: Das Team brauchte dringend Unterstützung und Entlastung – aber es war unklar, wie. Alles schien geregelt, die Diskussion in der GL drehte sich im Kreis. Erst als das Team aufgefordert wurde, mit Figuren seine eigene Vision aufzustellen, wurde klar, was es braucht: Jemand setzte eine Pfadfinder-Schlumpf-Figur in die Aufstellung. Plötzlich war allen klar, was der Firma fehlte und wie die Stelle ausgeschrieben werden musste, um die richtige Person zu finden. Dafür hatten Worte nicht gereicht. Im nächsten Workshop war der Pfadfinder dabei – und das Klima in der GL verbesserte sich sofort.
Das ist für mich der Kern meiner Arbeit mit Führungsteams: Gute Folien, eine saubere Agenda und eine tolle Vision ergeben noch keine gute Führung. Es braucht Begegnung.
Wo es wirklich hakt
Oft geht es nicht um Strategie oder Zahlen. Die Menschen verstehen einander nicht mehr: wie es dem anderen beim Führen geht, wie er führt, was man von ihm erwartet. Geschäftsleitungen sehen sich täglich und verlieren sich trotzdem aus den Augen. Der Zeitplan rutscht, die Energie sinkt, und irgendwann leidet die Unternehmensentwicklung.
Dann muss man innehalten. Nicht in jeder Sitzung, aber regelmässig:
- Wohin steuern wir?
- Ist unsere Aufmerksamkeit noch am richtigen Ort?
- Vertreten wir dieselben Werte?
- Sind wir noch ein gutes Vorbild?
- Was bedeutet KI für uns, ganz konkret?
Dafür braucht es keine Formulare und keinen Bildschirm. Es braucht Menschen, die sich in die Augen schauen, sich hinterfragen, Wertschätzung zeigen und trotzdem kritisches Feedback geben und annehmen können. Das ist schwerer, als man denkt, und wir üben es immer weniger. Im Alltag braucht es viel Diplomatie, Zwischentöne und Deutung. Wenn es aber um Firmenentwicklung geht, um echte gemeinsame Arbeit, dann lieber nicht.
Zwei Partner, keine Worte
In einer anderen Geschäftsleitung waren zwei Partner völlig gegensätzlich und verstanden sich zunehmend nicht mehr – weil sie es auch nicht mehr wollten. Der Rest der Geschäftsleitung war machtlos. Wir haben eine Firmenvision gebaut, ohne ein einziges Wort. Innerhalb von zehn Minuten entstanden Brücken, viele Brücken in verschiedenen Farben, zuerst zwischen den beiden Seiten und dann im ganzen Team.
Zum ersten Mal sprachen die beiden darüber, was trotz aller Zahlendifferenzen eigentlich fehlte: eine echte Verbindung. Dabei waren sie lange gute Freunde gewesen, bevor sie die Firma gründeten. Manchmal hört Freundschaft auf, und trotzdem arbeitet man gemeinsam weiter. Das ist traurig, manchmal enttäuschend – aber, und das ist vielleicht das Wichtigste: Es bleibt trotz allem eine Brücke, auf der man professionelle Zusammenarbeit weiter aufbauen kann. Das Material auf dem Tisch brachte das ganze Team zurück zu dem, was es trotz und gerade wegen der langen Geschichte verband. Gerade in KMU und Partnerschaften ist diese Verbindung oft das eigentliche Kapital.
Warum das gerade jetzt zählt
Heute kann jeder in Minuten wunderbare Folien erstellen oder Agenten bauen, die einen Workshopablauf definieren. Das ist praktisch, und ich nutze solche Werkzeuge selbst. Aber je mehr Werkzeuge es gibt, desto wichtiger wird die Frage, was sie nicht ersetzen können (dazu auch mein Beitrag «KI – Hold me tight!»). Und das ist genau der Moment, in dem sich Menschen in einer Geschäftsleitung wirklich auf Augenhöhe begegnen.
Deshalb beginne ich nie mit Folien, sondern mit einem klaren Gerüst:
- Was sollen die Teilnehmenden am Ende erzählt haben?
- Was muss gesagt und gehört werden, damit man sich versteht?
- Wie können wir Neues ausprobieren und die richtigen Entscheidungen fällen?
Was ein Team ohnehin den ganzen Tag gegenüber Mitarbeitenden und Kundschaft «herunterbetet», gehört nicht in den Kern. Keine Folienschlacht, keine langen Excel-Tabellen. Interventionen, die über Logik und Sprache hinausgehen, bringen in meinen Workshops viel mehr. Das Überraschende und Ungesehene, das Unausgesprochene und manchmal Unbewusste bringt weiter.
Abwechslung hält wach
Auch guter Inhalt verliert an Wirkung, wenn die Gruppe zu lange im selben Format bleibt. Zuhören, nachdenken, diskutieren und selbst etwas ausprobieren sprechen unterschiedliche Formen der Beteiligung an. Der Wechsel bringt Bewegung und schafft kleine Aha-Momente. Für Geschäftsleitungen ist das zugleich ein Lernprozess: Sie lernen Methoden kennen, die sie später in den eigenen Sitzungen einsetzen können.
Es müssen keine spektakulären Methoden sein. Jede Übung braucht einen Zweck, eine klare Aufgabe, ein realistisches Zeitfenster und eine kurze Auswertung.
Stille und Umwege gehören dazu
Was tun, wenn niemand antwortet? Oder wenn eine Wortmeldung das Gespräch in eine andere Richtung zieht? Eine Denkpause oder der Austausch zu zweit helfen. Ich setze zusätzlich auf Aufstellungen, Karten, Figuren und Bilder – etwa mit LEGO® SERIOUS PLAY® oder Elementen aus systemischen Strukturaufstellungen. Über etwas Drittes zu sprechen erleichtert den Einstieg und führt oft zu Gesprächen, die scheinbar am Thema vorbeigehen und genau ins Zentrum treffen. In diesem Dritten steckt viel unbewusste Information.
Bei ausufernden Diskussionen hilft eine freundliche Rückführung: «Das ist ein wichtiger Punkt. Ich halte ihn fest, und wir kehren zu unserer Frage zurück.» Und wenn die Zeit knapp wird, muss man wissen, was gekürzt werden kann und was unverzichtbar ist. Das braucht Erfahrung und manchmal Mut, etwa für den Satz: «Die Zeit hat nicht gereicht. Ihr braucht mehr davon, und ihr müsst sie euch nehmen – nicht für mich, sondern für euer Team und euer Geschäft.»
Der Blick von aussen
Wer von aussen kommt, muss die Gruppendynamik verstehen, wissen, was die einzelnen Personen bewegt, und dafür sorgen, dass alle Raum bekommen. Nach dem Workshop gehört ein Rückblick dazu: Was lief festgefahren, und was funktioniert bereits gut? Statt langer Memos eignet sich eine Zusammenfassung im Stil einer Infografik. Sie zeigt auf einen Blick, welche Themen adressiert wurden, welche dringend anstehen und wo Zeit mehr bewirkt als eine weitere Erklärung – und sie lässt sich im nächsten Workshop kurz reflektieren.
Unternehmensentwicklung, Teamentwicklung und gerade die Zusammenarbeit in der Geschäftsleitung sind ein Weg und ein Lernprozess. Manche Dinge wiederholen sich, und es ist wichtig, dass Unternehmerinnen und Unternehmer sehen, wie sie weiterkommen. Wichtige und schwierige Themen kommen wieder. Das zeigt aber kein Versagen, sondern dass man dranbleibt und weiter ausprobiert. Sonst wäre das Leben als Unternehmer wirklich langweilig. Wer zwischen den Workshops einen Sparringpartner sucht, findet ihn im Executive Coaching.
Ein Workshop muss nicht perfekt sein
Läuft alles glatt und gibt es keine Kontroverse, war es vermutlich eher eine Vorlesung. Wenn Menschen sich mit Herzblut einbringen, etwas wagen und mit einem klaren Gedanken oder einem nächsten Schritt nach Hause gehen, bringt sie das weiter. Wenn das Team über offenen Fragen brüten kann und eine gemeinsame Sprache gefunden hat, war der Workshop ein Erfolg – und das bringt die Firma weiter.
So verstehe ich Unternehmensentwicklung.
Wann hat sich Ihre Geschäftsleitung zuletzt Zeit genommen, einander wirklich zuzuhören?
Wenn Sie einen Workshop für Ihr Führungsteam planen, melden Sie sich gerne direkt bei mir.
Literatur
- LEGO Group: LEGO® SERIOUS PLAY® – Open-Source-Einführung in die Methode, 2010
- Matthias Varga von Kibéd, Insa Sparrer: Ganz im Gegenteil. Tetralemmaarbeit und andere Grundformen Systemischer Strukturaufstellungen, Carl-Auer, 11. Auflage 2020
- Donald W. Winnicott: Vom Spiel zur Kreativität, Klett-Cotta (über den «Zwischenraum» des Spiels, in dem Neues entsteht)
