Nathalie Buschor
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Wenn Erfolg allein nicht mehr erfüllt – Iwan Iljitsch und die Frage nach dem gelungenen Leben

4. Oktober 2026

«So ging ich in gleichmässigem Schritt den Berg hinab und bildete mir ein, ich gehe auf den Berg hinauf. Und so war es auch. In der öffentlichen Meinung ging ich den Berg hinauf, und in gleichem Schritt wich unter meinen Füssen das Leben …»
— Leo Tolstoi, Der Tod des Iwan Iljitsch

Jahrelang haben wir gearbeitet, Verantwortung übernommen und uns vorwärtsgetrieben. Vieles erreicht, manches übertroffen. Und irgendwann steht eine Frage im Raum, mit der wir nicht gerechnet haben: Wozu eigentlich das alles?

Wie lange möchte ich so weitermachen? Will ich das überhaupt noch? Und warum stellt sich nach all dem Erreichten die Frage nach Glück und einem erfüllten Leben mit solcher Dringlichkeit?

Diese Fragen begegnen mir in meiner Arbeit immer wieder. Menschen sind talentiert, tragen Verantwortung, haben sich Wohlstand und Möglichkeiten erarbeitet. Vieles ist gelungen. Und dennoch spüren sie eine Leere.

Das verunsichert. Wer nach aussen erfolgreich ist, erwartet oft auch von sich selbst, zufrieden zu sein. Vielleicht kommt sogar Scham dazu: Darf ich mich leer fühlen, obwohl ich so viel habe?

Ja. Auch ein erfolgreiches Leben braucht Raum für die Frage, ob es sich von innen her richtig anfühlt.

Viel erreicht – und doch am Leben vorbei?

Die Literatur kennt diese Erschütterung seit Langem. In Goethes Faust steht ein Gelehrter, der umfassend studiert hat, vor den Grenzen seines Wissens. Seine Suche nach Erkenntnis hat seinen Lebenshunger nicht gestillt. In Tolstois Der Tod des Iwan Iljitsch blickt ein angesehener Richter angesichts seines Todes auf ein vermeintlich gelungenes Leben zurück. Der eine sucht einen Aufbruch, der andere steht vor dem Ende. Beide trifft die Frage, ob ihnen bei allem Streben das Wesentliche entgangen ist.

Iwan Iljitsch hat eine angesehene Stellung, eine Familie und ein Leben, das den gesellschaftlichen Vorstellungen entspricht. Erst angesichts seines Todes beginnt er zu zweifeln:

«Habe ich vielleicht nicht so gelebt, wie ich sollte?»

Rückblickend erkennt er einen erschreckenden Widerspruch: Während er in der öffentlichen Meinung aufstieg, entglitt ihm das Leben.

Für mich liegt darin die drängende Frage dieser Erzählung: Woran messen wir, ob unser Leben gelingt? An dem, was andere anerkennen? An dem, was wir vorweisen können? Welchen Platz haben darin unsere Beziehungen, unsere Freude und das, was uns innerlich trägt?

Sich selbst Raum geben – und anderen begegnen

Tolstoi lässt am Ende Raum für eine Veränderung. Als Iwan Iljitsch sich dem Leiden seiner Angehörigen zuwendet und Mitgefühl empfindet, verändert sich sein Verhältnis zum Sterben.

Meine Lesart ist: Die entscheidende Bewegung führt aus der quälenden Beschäftigung mit sich selbst in die Beziehung zu anderen.

Für unsere eigenen Lebensfragen sehe ich darin einen Anstoss. Wir brauchen Raum, um uns selbst wahrzunehmen und zu verstehen: Was schmerzt? Was fehlt? Wonach sehnen wir uns? Wenn wir dafür Worte finden, können wir uns auch anderen wieder offener zuwenden.

Das verlangt Güte mit sich selbst, Geduld und die Bereitschaft, die eigene Verletzlichkeit anzunehmen. Gerade Menschen, die sich jahrelang vorwärtsgepeitscht haben, fällt das oft schwer. Sie sind gewohnt, Schwierigkeiten mit noch mehr Einsatz zu beantworten. Nun braucht es vielleicht zum ersten Mal die Erlaubnis, innezuhalten.

Was bedeutet das konkret?

Einfach bis zum Ende weiterzumachen, wäre eine verpasste Gelegenheit. Es braucht einen Halt. Die eigene Erlaubnis, nachzudenken, ohne sofort ein neues Ziel formulieren zu müssen.

Und die Bereitschaft, ehrlich zu fragen:

  • Was erfüllt mich noch?
  • Was habe ich unterwegs vernachlässigt?
  • Für wen und wofür möchte ich meine Fähigkeiten einsetzen?
  • Welche Wunden oder Verletzungen wirken noch nach und brauchen Zuwendung, vielleicht auch Versöhnung?

Gerade wenn äusserer Reichtum und viele Möglichkeiten vorhanden sind, darf auch innerer Reichtum wachsen. Vielleicht bedeutet das, einer Freundschaft wieder Zeit zu geben. Eine Aufgabe zu übernehmen, deren Wert sich schwer beziffern lässt. Sich mit Glauben, Schönheit oder der eigenen Endlichkeit auseinanderzusetzen. Oder anzuerkennen, dass etwas im bisherigen Leben eine Veränderung braucht.

Philosophische und religiöse Traditionen können dabei Gesprächspartner sein. Seit Jahrhunderten fragen Menschen, was ein Leben lebenswert macht und wofür es sich lohnt, Zeit, Kraft und Talente einzusetzen. Ihre Antworten können unsere eigenen Vorstellungen weiten und hinterfragen.

Wir müssen diese Fragen nicht allein tragen

Dabei helfen Menschen. Alte Freunde, die uns schon kannten, bevor Titel und Erfolge dazukamen. Ein Sparringpartner, mit dem auch unbequeme Fragen ausgesprochen werden dürfen. Jemand, der behutsam nachfragt, tiefer gehen darf und die Suche nach Antworten mitträgt.

In meiner Arbeit möchte ich Raum für solche Gespräche schaffen. Berufliches und Privates gehören dabei zusammen: Es ist derselbe Mensch, der führt, leistet, liebt, zweifelt und nach Orientierung sucht.

Gemeinsam lässt sich erkunden, was er bewahren möchte, was sich erschöpft hat und was wachsen darf. Wir schauen auch auf Verletzungen, die ihn zurückhalten, und auf Möglichkeiten, die bisher wenig Raum hatten. Daraus können konkrete Schritte entstehen – manchmal eine kleine Verschiebung, manchmal eine grössere Veränderung.

Wir müssen mit diesen Fragen nicht bis zum Ende warten. Wir dürfen sie mitten im Leben stellen. Gerade dann, wenn vieles möglich geworden ist.

Literatur