Nathalie Buschor
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Beide Vollzeit, beide müde – Mental Load in der Familie fair verteilen

11. Oktober 2026 ·
Gepflügtes Feld aus dunklem Sand unter blauem Himmel – Sinnbild für die nie endende Alltagsarbeit

Gerade sitze ich in den Ferien und beobachte Familien mit kleinen und grossen Kindern. Und immer wieder höre ich ähnliche Geschichten: Beide Eltern arbeiten voll, beide sind voll müde. Und dann sollte nebenbei auch noch alles andere gut funktionieren.

Die Partnerschaft will gepflegt werden, die Kinder brauchen Aufmerksamkeit, der Haushalt organisiert sich nicht von selbst. Vielleicht kommen noch älter werdende Eltern dazu, die Unterstützung benötigen. Freunde möchte man auch nicht verlieren. Kurz gesagt: eine nie endende To-do-Liste.

Manchmal erinnert mich dieses Leben an einen Ochsen, der ein Sandfeld pflügt. Furche um Furche zieht er geduldig seine Spur – und hinter ihm weht der Wind alles wieder zu. Am Abend sieht das Feld aus, als wäre nichts geschehen. Die Wäsche ist gemacht, der Kühlschrank gefüllt, die Termine koordiniert – und am nächsten Morgen beginnt alles von vorn. Die Arbeit ist getan, aber sie bleibt unsichtbar.

Aber wo bleibt da eigentlich die Luft zum Atmen?

Ein paar Minuten Luft im Auto

Lange habe ich mich gewundert, warum meine Mutter, mit vier Kindern und einem beruflich stark engagierten Mann, so sehr an ihrem Auto hing. Heute verstehe ich es besser. Guess why? Im Auto gab es zwischen Arbeit und Heimkommen wenigstens ein paar Minuten Luft.

Wobei – vermutlich wurde auch dort fleissig weitergedacht: Haben alle, was sie brauchen? Fehlt noch etwas? Was muss ich einkaufen, organisieren, erledigen? Habe ich etwas vergessen?

Mental Load: die unsichtbare Denkarbeit

Heute nennen wir das Mental Load. Die unsichtbare Denkarbeit, die dafür sorgt, dass im Alltag alles läuft. Denn es ist nicht nur die Menge an Arbeit, die erschöpft, sondern auch die Verantwortung, ständig an alles denken zu müssen.

Und dann kommt noch die Selbstoptimierung dazu. Genügend Sport, gesund essen, ausreichend schlafen, achtsam sein. Natürlich sollten wir auch Freundschaften pflegen, vielleicht sogar einmal Gäste einladen – und irgendwo noch Platz finden für Freude, Spontaneität und die eigenen Interessen.

Viel Glück!

Wir müssen gar nicht alles schaffen

Die gute Nachricht: Wir müssen gar nicht alles schaffen.

Vielleicht liegt die Lösung nicht darin, noch effizienter zu werden, sondern darin, genauer hinzuschauen: Was ist uns wirklich wichtig? Was kann weg? Und vor allem: Wer übernimmt eigentlich welche Verantwortung?

Denn unsichtbare Arbeit muss zunächst sichtbar werden. Nicht, um gegeneinander aufzurechnen, wer mehr leistet, sondern um gemeinsam zu überlegen, wie sich Verantwortung fair verteilen lässt.

Verantwortung wirklich abgeben

Und hier kommen auch die Kinder ins Spiel. Schon kleine Kinder können ihrem Alter entsprechend Aufgaben übernehmen. Und Teenager erst recht – auch wenn sie davon nicht immer restlos begeistert sind.

Entscheidend ist allerdings, dass Verantwortung wirklich abgegeben wird. Wer delegiert, um anschliessend doch wieder alles selbst zu kontrollieren, hat wenig gewonnen. Und wer eine Aufgabe übernimmt, sollte sie nicht beim ersten Problem an die Eltern zurückdelegieren können.

Das gilt übrigens genauso für die Erwachsenen.

Solche Gespräche sind nicht immer bequem. Sie zwingen uns, über Erwartungen, Gewohnheiten und Prioritäten nachzudenken. Vielleicht muss das Haus nicht immer perfekt aufgeräumt sein. Vielleicht darf eine Einladung unkompliziert ausfallen. Vielleicht muss auch nicht jede Freizeitstunde der Kinder organisiert werden.

Denn alles geht nicht. Und der Versuch, trotzdem alles zu schaffen, führt oft geradewegs zu Streit, Erschöpfung und dem Gefühl, nie zu genügen.

Was wirklich zählt

Oliver Burkeman erinnert uns in seinem Buch 4000 Wochen daran, dass unsere Lebenszeit begrenzt ist. Wir können sie nicht beliebig vermehren, auch nicht mit noch besserem Zeitmanagement. Wir müssen entscheiden, wofür wir sie einsetzen wollen.

In meiner Arbeit erlebe ich immer wieder, wie entlastend es sein kann, gemeinsam die Karten neu zu sortieren. Nicht alles muss gleichzeitig gelöst werden. Manches darf warten, anderes ganz wegfallen. Und vieles lässt sich besser gemeinsam tragen.

Vielleicht wäre das ein guter Vorsatz nach den Ferien: nicht noch mehr unter einen Hut bringen zu wollen, sondern mit der Familie zu besprechen, was wirklich zählt – und wer künftig wofür verantwortlich ist.

Damit neben all dem Funktionieren auch wieder Platz bleibt. Für die Partnerschaft, für die Kinder, für Freunde. Und nicht zuletzt für sich selbst.

Zwei Buchtipps

Eve Rodsky – Fair Play (2019)

Wie lässt sich die unsichtbare Arbeit in einer Familie sichtbar machen und gerechter verteilen? Rodsky entwickelt ein praktisches System, mit dem Paare Aufgaben und Verantwortlichkeiten neu organisieren können. Besonders wichtig dabei: Eine Aufgabe zu übernehmen bedeutet auch, selbst daran zu denken und für ihre Erledigung verantwortlich zu sein.

Zum Buch beim Verlag

Oliver Burkeman – 4000 Wochen: Das Leben ist zu kurz für Zeitmanagement (deutsche Ausgabe 2022)

Ein kluges, humorvolles Buch über unsere begrenzte Lebenszeit und den vergeblichen Versuch, immer alles erledigen zu wollen. Burkemans zentrale Botschaft: Wir werden nie mit allem fertig. Aber wir können bewusster entscheiden, was unsere Zeit verdient.

Zum Buch beim Piper Verlag