Body Positivity und Körperzweifel: Was Susie Orbach uns lehrt
Was Susie Orbach über Körperzweifel verstanden hat
Kennen Sie das?
Man steht vor dem Spiegel und sieht zuerst, was stört. Den Bauch. Die Oberschenkel. Die Falten, die gestern noch nicht da waren. Und irgendwo im Kopf läuft ein leiser Kommentar mit, der selten freundlich ist.
Die meisten von uns kennen diese Stimme. Sie ist so alltäglich geworden, dass wir sie kaum noch hinterfragen.
Auch Body Positivity, die Bewegung, die genau diese Stimme leiser machen will, hat sie bei vielen nicht verstummen lassen.
Genau das hat Susie Orbach getan – und zwar gleich zweimal.
«Fat is a Feminist Issue»: Was der Körper für uns trägt
1978 schrieb die britische Psychotherapeutin ein Buch, dessen Titel bis heute provoziert. Ihre These war einfach und radikal zugleich: Wenn so viele Frauen ihren Körper bekämpfen, ist das kein individuelles Versagen. Es sagt etwas über die Welt, in der sie leben.
Orbach fragte nicht: Wie werde ich schlanker?
Sie fragte: Was bedeutet mein Körper für mich? Was drücke ich über ihn aus?
Manchmal ist der Körper Schutz. Manchmal Protest. Manchmal der einzige Ort, an dem wir das Gefühl haben, etwas im Griff zu haben.
Wer das versteht, merkt: Diäten scheitern oft nicht an mangelndem Willen. Sie scheitern, weil sie an der falschen Stelle ansetzen.
«Bodies»: Der Körper als Dauerbaustelle
Dreissig Jahre später ging Orbach in «Bodies» einen Schritt weiter. Ihre Beobachtung: Der Körper ist für viele Menschen zu einem Projekt geworden. Etwas, das man optimieren, formen und verbessern muss – ein Leben lang.
Wie sehr uns dieser Optimierungsdruck auch sonst prägt, beschreibe ich im Beitrag Selbstoptimierung: Das Recht, ein anderer zu werden.
Und sie zeigt, wie früh das beginnt. Unser Gefühl für den eigenen Körper entsteht nicht im Spiegel, sondern in Beziehungen. Darin, wie wir als Kinder gehalten, angeschaut und kommentiert wurden. Und darin, wie die Erwachsenen um uns herum mit ihrem eigenen Körper umgegangen sind.
Körperunsicherheit wird weitergegeben. Leise, beiläufig, oft in bester Absicht.
Body Positivity: Zwischen «Liebe dich selbst» und Selbstoptimierung
Heute stehen wir zwischen zwei Botschaften.
Die eine sagt: Liebe deinen Körper, so wie er ist.
Die andere sagt: Hier sind zehn Tipps für einen flacheren Bauch.
Body Positivity hat viel bewegt. Sie hat Körper sichtbar gemacht, die lange versteckt wurden, und Scham benannt.
Aber wer mit seinem Körper hadert, erlebt den Satz «Liebe dich selbst» manchmal als weitere Aufgabe, an der man scheitern kann.
Body Neutrality: Der Körper als Zuhause
Vielleicht muss es gar nicht Liebe sein.
Vielleicht wäre schon viel gewonnen, wenn der Körper nicht mehr ständig beurteilt werden müsste. Wenn er nicht Projekt wäre, sondern Zuhause. Body Neutrality nennt man diese Haltung.
Was konkret helfen kann
Nicht als Rezept, sondern als Einladung:
- Die innere Stimme bemerken. Nicht gleich ändern, nur bemerken. Wessen Stimme ist das eigentlich? Klingt sie nach mir – oder nach jemandem von früher?
- Den Körper nach seiner Funktion fragen, nicht nur nach seinem Aussehen. Was hat er heute getragen, bewegt, gespürt, genossen?
- Auf Hunger und Sättigung hören statt auf Regeln von aussen. Orbach hat genau das vor fast fünfzig Jahren vorgeschlagen.
- Weniger vergleichen. Auch in den sozialen Medien lässt sich entfolgen.
- Das eigene Reden über Körper prüfen. Über den eigenen und über die der anderen.
Was wir weitergeben
Kinder lernen nicht aus unseren Sätzen, sondern aus unserem Verhalten. Sie hören, wie wir vor dem Spiegel über uns reden und wie wir die Körper anderer kommentieren.
Vielleicht ist das die wichtigste Erkenntnis aus beiden Büchern: Wie wir mit unserem Körper umgehen, betrifft nie nur uns selbst.
Zum Schluss
Die Zweifel am eigenen Körper verschwinden selten über Nacht. Aber sie können leiser werden.
Nicht, indem wir uns endlich schön finden.
Sondern indem wir aufhören, uns ständig zu bewerten.
Literatur
- Susie Orbach: Fat is a Feminist Issue, 1978
- Susie Orbach: Bodies. Schlachtfelder der Schönheit, Arche Verlag (Original: Bodies, 2009)
Wenn Gedanken an Essen und Körper den Alltag bestimmen, lohnt es sich, darüber mit einer Fachperson zu sprechen, zum Beispiel über die Arbeitsgemeinschaft Ess-Störungen (AES).
